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Frage: Soll bei einer Behandlung mit Antikoagulantien die Vitamin-K-Zufuhr eingeschränkt werden?
Antwort: Patienten unter einer Antikoagulationstherapie brauchen keine besondere Ernährungsweise oder Diät einzuhalten. Es gelten die Empfehlungen der DGE für eine abwechslungsreiche, vollwertige Ernährung. Auf Vitamin-K-reiche Lebensmittel muss nicht verzichtet werden, da der Vitamin-K-Gehalt vernachlässigt werden kann. Eine extrem einseitige Kost ist jedoch zu vermeiden.
Antikoagulantien werden zur Vorbeugung und Therapie bei Erkrankungen eingesetzt, um die Gerinnungsfähigkeit des Blutes zu reduzieren; beispielsweise bei einem erhöhten Risiko einer Gerinnselbildung mit der Gefahr von Embolien und Thrombosen. In Deutschland müssen sich ca. 300 000 bis 500 000 Menschen einer Antikoagulationstherapie unterziehen. Die dafür eingesetzten Präparate gehören zu der Gruppe der Cumarine.
Cumarine haben eine antagonistische Vitamin-K-Wirkung und beeinflussen damit die Synthese der Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X sowie der Proteine C, S, Z in der Leber. Durch orale Gaben von Cumarinpräparaten (z. B. Marcumar) kann die Gerinnungsfähigkeit des Blutes gezielt gesenkt werden. Die Wirksamkeit der Antikoagulantien bzw. die Blutgerinnungsneigung wird mit Hilfe des sog. Quicktests (Test zur Ermittlung der Prothrombin-Thromboplastin-Zeit) bestimmt. Der dabei ermittelte Quickwert gibt die Zahl an, die ein mit Citrat versetztes Blutplasma nach Zusatz von aktiver Thrombokinase zur Gerinnung benötigt. Bei Gesunden liegt dieser Wert zwischen 70 und 125 %, bei optimaler Dosierung des Cumarinpräparates zwischen 15 und 25 %.
Vitamin K ist der chemischen Struktur nach ein Naphthochinonderivat. Neben den in der Natur vorkommenden Vitaminen K1 (Phyllochinon) und K2 (Menachinon) gibt es noch andere Chinone mit Vitamin-K-Wirkung. Diese fettlöslichen Vitamine kommen in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln in unterschiedlichen Konzentrationen vor. Vitamin K1 ist besonders reichlich in grünem Gemüse enthalten, aber auch in Milch und Milchprodukten, Muskelfleisch, Eiern, Getreide und Früchten finden sich Vitamin-K-wirksame Verbindungen. Verluste bei der Speisenzubereitung sind gering, da Vitamin K gegen Hitze und Sauerstoff relativ unempfindlich ist. Dagegen wird das Vitamin durch Einwirkung von Tageslicht rasch zerstört. Verbindungen mit Vitamin-K-Wirkung sind für die Bildung von auf die Blutgerinnung einwirkenden Proteinen notwendig. Nur in Gegenwart von Vitamin K können diese in der Leber synthetisiert werden.
Die Empfehlung in vielen Beipackzetteln, den Verzehr von Vitamin-K-reichen Lebensmitteln einzuschränken bzw. auf Vitamin-K-reiche Lebensmittel zu verzichten, ist nicht gerechtfertigt. Bei der Einnahme von blutgerinnungshemmenden Medikamenten ist eine Vitamin-K-arme Ernährung nicht erforderlich und in der Praxis nur schwer zu realisieren. Zudem sind die Resorptionsvorgänge für Vitamin K im Darm (Abhängigkeit von der Fettzufuhr, der Gallensekretion, der Pankreaslipaseaktivität) sowie die Produktion von Vitamin K durch die Darmbakterien selbst kaum kontrollierbar. Auch muss berücksichtigt werden, dass die Angaben des Vitamin-K-Gehaltes in den einzelnen Lebensmitteln aufgrund verschiedener Analysenmethoden stark variieren. Die Berechnung des Vitamin-K-Gehaltes eines Speiseplanes hat daher nur eine orientierende Bedeutung.
Fazit:
In einer Reihe von klinischen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass selbst durch Verzehr größerer Mengen an Vitamin-K-reichen Lebensmitteln der Quick-Wert nicht oder nur unwesentlich beeinflusst wird. Für Patienten unter Antikoagulationstherapie mit Vitamin-K-Antagonisten gibt es daher keinen Grund, auf Vitamin-K-reiche Lebensmittel, wie Leber, Spinat, Brokkoli, Weiß-, Rot-, Grün- und Blumenkohl, zu verzichten. Es wird eine abwechslungsreiche, dem Energiebedarf angepasste Kost nach den Richtlinien der DGE empfohlen. Eine Änderung der Ernährungsweise, z. B. eine plötzliche Umstellung von einer "normalen" Ernährung auf eine sehr fettarme Kost oder auf eine Kost, die reich an Blattgemüsen ist, sollte trotzdem möglichst vermieden werden bzw. sollte nur bei einer engmaschigen Überwachung der Gerinnungsparameter erfolgen. Auf eine Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln, z. B Vitamin-K-haltigen Multivitaminpräparaten ist zu verzichten bzw. deren Einnahme ist mit dem behandelnden Arzt zu klären.
Quellen:
1. Biesalski H K: Vitamin K (Mena- und Phyllochinon). In: Biesalski H K, Fürst P, Kasper H, Kluthe R, Pölert W, Puchstein C, Stähelin H B (Hrsg): Ernährungsmedizin. Thieme Verlag, Stuttgart (1999) 130-134
2. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Österreichische Gesellschaft für Ernährung, Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung, Schweizerische Vereinigung für Ernährung (Hrsg): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. 1. Auflage, 1. korrigierter Nachdruck, Umschau/Braus Verlag, Frankfurt am Main (2000) 95-99
3. Harris J E: Interaction of dietary factors with oral anticoagulants: Review and applications. J Am Diet Ass 95 (1995) 580-584
4. Kasper H: Ernährungsmedizin und Diätetik. Urban & Fischer Verlag, München (2000) 36-37
5. Koller F: Spinat bei Antikoagulantienbehandlungen. Dtsch med Wschr 100 (1975) 570
6. Shearer M J: Vitamin K. Lancet 345 (1995) 229-234
7. Somogyi J C: Antivitamine - ihre Bedeutung in der Ernährung und Therapie. Ernährung/Nutrion 22 (1998) 405-410
8. Suttie J W: Vitamin K and human nutrition. J Amer Diet Ass (1992) 585-590